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Sprache und Wissen

13. Oktober 2016

Wie Unternehmen Geflüchtete beim Deutschlernen unterstützen

Arbeiter bei der Pause

Ob in der Bäckerei, einem Handwerksbetrieb oder in einem Hotel: In jedem Unternehmen erwarten Geflüchtete zu Beginn ihrer Ausbildung verschiedene Sprachanforderungen. Um diesen zu begegnen, hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die staatlichen Hilfen zur Sprachförderung ausgeweitet. Neben diesen Angeboten unterstützen viele Arbeitgeber ihre Auszubildenden zusätzlich beim Erlernen der deutschen Sprache, um den Einstieg in den Beruf und die Integration in die Belegschaft zu erleichtern.

Vier mittelständische Unternehmen berichten, welche Möglichkeiten sie zur Sprachförderung ihrer Auszubildenden nutzen. Während die meisten Arbeitgeber die Geflüchteten gleich zu Ausbildungsbeginn in die Teams integrieren und Sprachbarrieren so direkt bei der Arbeit überwunden werden, nutzen andere Sprachtandems im Betrieb oder das Angebot individueller Sprachkurse durch ehrenamtliche Helfer neben der Arbeit. Dadurch stellen sich bei den Geflüchteten schnell Lerneffekte ein.

"Bewusst vor die Kulissen lassen"

Abdul Abdulhag Rahimzai stammt aus Afghanistan und macht eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Durch den Schwerpunkt "Service" kommt der 20-Jährige auch mit den Gästen seines Ausbildungsbetriebs, dem Hotel "Westerwald Treff", in Kontakt. Es war eine bewusste Entscheidung, Abdul vor die Kulissen zu lassen, erklärt Geschäftsführerin Tanja Ehlscheid-Schelzke, die den Geflüchteten in ihrem Unternehmen beschäftigt. Schließlich wird im Service nicht nur eine Bestellung aufgenommen. Wir wollen auch mit unseren Gästen ins Gespräch kommen.

Den sprachlichen Senkrechtstart unterstützt das Hotel in Oberlahr mit Patentanten und -onkeln, die als erfahrene Kollegen jedem Auszubildenden zur Seite stehen. Im Falle von Abdullah ist das nicht nur fachlich, sondern auch sprachlich eine große Hilfe, so Tanja Ehlscheid-Schelzke. Und das ist nicht alles. Damit Abdullah noch schneller deutsch lernt, erhält er zweimal pro Woche eine individuelle Sprachförderung von einer ehrenamtlichen Helferin. Vermittelt hatte den Kontakt die "Flüchtlingshilfe Flammersfeld e.V.", an die sich Tanja Ehlscheid-Schelzke gewandt hatte.

"Nicht auf Englisch ausweichen"

Knapp 20 Geflüchtete arbeiten in der Yachthafenresidenz "Hohe Düne". Ob im Housekeeping, im Service oder in der Küche: Wir haben mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Vereinbarung getroffen, dass bei uns Deutsch gesprochen wird, berichtet Eva Krull. Selbst wenn es bei der Arbeit zu kleineren Sprachhürden kommt – wir sind bemüht, nicht auf Englisch auszuweichen, so die Personalleiterin des Hotels in Rostock-Warnemünde weiter.

Einige der Geflüchteten haben in Kursen des "Netzwerk Arbeit für Flüchtlinge" bereits vor der Anstellung in der Yachthafenresidenz sprachliche Fortschritte gemacht und konnten mit Grundkenntnissen in ihre Beschäftigung starten. Daher ist das Sprachniveau unter den Geflüchteten zwar unterschiedlich. Aufgrund unserer Abmachung stellen sich jedoch bei allen schnell Lerneffekte ein, insbesondere im Sprachverständnis, erklärt Eva Krull. Einige der Geflüchteten im Service haben so schnell Deutsch gelernt, dass sie mittlerweile auch am Gast arbeiten dürfen.

Spracherwerb über Umwege - Wie Kurdisch beim Deutschlernen hilft

Abdulkader Mohammad stammt aus Syrien und absolviert seit Mai 2016 eine Ausbildung zum Konditor bei der rheinland-pfälzischen Bäckerei Brand, einem Betrieb mit 70 Mitarbeitern. Zuvor war der 27-jährige dort Praktikant und hat parallel Deutsch in einem Sprachkurs gelernt. Finanziert wurde der Kurs vom lokalen Rotary-Klub. So konnte er bereits mit Grundkenntnissen in die Ausbildung starten.

Die Sprachkompetenz von Abdulkader hat sich nochmals verbessert, seitdem er bei uns arbeitet, berichtet der Geschäftsführer Klaus Brand. Als besonders hilfreich erweist sich der enge Austausch mit einer kurdischen Mitarbeiterin der Bäckerei. Da Abdulkader nicht nur lernfreudig ist, sondern auch gut kurdisch spricht, werden kleinere Sprachhürden direkt bei der Arbeit überwunden – und das ohne großen Aufwand. Das halte ich für einen fruchtbaren Weg, da der Lerneffekt sofort einsetzt, meint Klaus Brand. Und die Kombination aus theoretischem Sprachkurs und Spracherwerb bei der Arbeit bestätigt den 46-Jährigen: Von Kolleginnen und Kollegen bekommt Abdulkader mittlerweile permanent gesagt, wie toll er deutsch spricht, freut sich Brand.

An Formulierungen in Prüfungsaufgaben gewöhnen

Die Fa. SPINDLER Dachdeckerei-Spenglerei bildet zwei Geflüchtete aus: Khan-Wali Jamal Khel stammt aus Afghanistan und absolviert bereits im dritten Jahr eine Ausbildung zum Dachdecker. Josematuca Bakuisa kommt aus dem Kongo und ist seit kurzem als Auszubildender zum Spengler in dem Betrieb beschäftigt.

Während ihrer Ausbildung arbeiten Jamal und Josematuca mit den Kollegen auf der Baustelle zusammen - von früh ab sieben Uhr bis abends fünf Uhr, erklärt Jutta Spindler. Daher lernen sie erstaunlich schnell Deutsch. Wir müssen mit beiden manchmal lediglich etwas besser hochdeutsch sprechen, scherzt die kaufmännische Leiterin des Betriebs in Oberbayern.

Die Herausforderungen liegen nicht im Sprachverständnis, sondern im schriftlichen Ausdruck. Dies gilt insbesondere für die Formulierung von Aufgaben in der Berufsschule. Um Jamal und Josematuca auch hier zu unterstützen, haben wir Fachbücher auf Deutsch besorgt. So können sie die Formulierungen lernen und sich daran gewöhnen, erzählt Jutta Spindler.