Navigation und Service

Sie sind hier:

Integration heißt Verstehen

13. Oktober 2016

Vier Männer und Kollegen stehen beieinander.

Die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt erfordert mehr als die Bereitstellung von Arbeitsplätzen. Damit sie in eine erfolgreiche Zusammenarbeit im Betrieb mündet, müssen Einheimische und Geflüchtete gleichermaßen Verständnis füreinander entwickeln: die Einheimischen für die besondere Situation und die kulturellen Besonderheiten der Geflüchteten und diese wiederum für die Werte und Gepflogenheiten in Deutschland.

Gut ausgebildet im Heimatland, Aushilfskraft in Deutschland – viele Geflüchtete fangen in Deutschland wieder bei null an. Der gesellschaftliche Status, den sie in ihrer Heimat hatten, zählt nicht mehr. Stattdessen erwartet sie ein gewaltiger Lernprozess: neuer Beruf, unbekannte Sprache und Kultur sowie ein rechtlicher Rahmen, der sich auch nicht von allein erklärt.

Es beginnt mit dem deutschen Arbeits- und Ausbildungssystem. Arbeitszeiten, Urlaub, Krankenversicherung, Ausbildungswege – alles ist geregelt, aber weitgehend unbekannt für die Menschen, die zu uns kommen. Das Prinzip der dualen Ausbildung beispielweise kennen die Geflüchteten nicht, erzählt Carola Zarth, Geschäftsführerin von Bosch Holtz, einem Rundum-Service für Autos in Berlin. Bei ihren Auszubildenden aus Syrien, Afghanistan und dem Kosovo konnte sie teilweise beobachten, dass die Ausbildung nicht als Investition in die eigene Zukunft gesehen und deshalb nicht abgeschlossen wird. Die Geflüchteten müssen deshalb besser über das Ausbildungssystem aufgeklärt werden.

Kulturelle Besonderheiten prägen auch die Arbeitswelt

Auch kulturelle Unterschiede können für Geflüchtete zu großen Herausforderungen werden: Abdullah hatte anfangs Schwierigkeiten, den Anweisungen von weiblichen Kolleginnen in gleicher Weise zu folgen wie den von männlichen Kollegen, erzählt Tanja Ehlscheid-Schelzke, Leiterin des Hotels Westerwald Treff.

Beim Umgang mit Fehlern besteht noch Annäherungsbedarf, weiß Jürgen Janku, Inhaber des Software-Unternehmens Seitwerk in Uffing am Staffelsee: Viele Missverständnisse und Konflikte haben damit zu tun, dass manche Geflüchtete sich lieber durchschlawinern, wie wir in Bayern sagen, als zuzugeben, dass sie etwas nicht verstehen, nicht wissen oder falsch gemacht haben.

Auch religiöse Bräuche können Geflüchtete im Alltag vor Probleme stellen: Der Fastenmonat Ramadan erfordert striktes Fasten bis zum Sonnenuntergang. Mehrmaliges Beten am Tag wie es beispielsweise im Judentum und im Islam Sitte ist, ist im deutschen Arbeitsalltag nicht vorgesehen.

Traumatische Erfahrungen sind im Arbeitsalltag präsent

Geflüchtete aus Kriegs- und Krisengebieten haben in ihrer Heimat und auf der Flucht oft traumatische Situationen erlebt. Diese Erfahrungen bleiben präsent. Abdullah hat bei jedem Polizeiauto Angst, wieder abgeholt zu werden, erzählt Tanja Ehlscheid-Schelzke. Auf seinem Weg nach Deutschland war der 20-jährige Mann aus Afghanistan für kurze Zeit im Gefängnis in Ungarn. Von Anfang an haben ich und die anderen Mitarbeiter explizit das Gespräch mit Abdullah gesucht, um seine Geschichte kennenzulernen. Das hilft uns sein Verhalten besser zu verstehen.

Flexibilität und interkulturelle Kompetenz schaffen Vertrauen

Kommunikation spielt naturgemäß eine wichtige Rolle, um Probleme zu lösen. Und Flexibilität: Wir haben Personen ermöglicht, ihre Gebetszeiten einzuhalten, erzählt Carola Zarth. Sie sieht sich nicht nur in der Pflicht, Werte zu vermitteln, sondern ihren Mitarbeitern auch die Möglichkeit zu bieten, ihre Werte auszuleben. Die Kantine von Seitwerk wiederum verzichtet auf Schweinefleisch – nicht nur, aber auch wegen der muslimischen Kollegen. Auch Frau Ehlscheid-Schelzke nimmt bei der gastronomischen Ausbildung von Abdullah Rücksicht auf religiöse Ernährungsvorschriften, sofern er dies wünscht.

Das Verständnis für die Situation des Anderen und die Kenntnis der jeweils anderen Kultur bilden die Grundlage für eine gelungene Integration. Man muss sich mit dem Herkunftsland und der Mentalität der Menschen beschäftigen. Dann fühlt sich auch der Geflüchtete motiviert und eingeladen, über seine Geschichte zu sprechen, erzählt die Rostocker Restaurant-Geschäftsführerin Hannelore Dolinga. Für sie ist interkulturelles Verständnis eine sinnvolle Investition und Grundlage für ein erfolgreiches Arbeitsverhältnis. Denn es motiviert die neuen Kollegen und beseitigt kulturelle Missverständnisse und Vorurteile – der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration.