Navigation und Service

Sie sind hier:

Gesundheit

13. Oktober 2016

"Nichts hilft so sehr wie ein strukturierter Tagesablauf"

Zwei Männer arbeiten auf einem Dach.

In der Zusammenarbeit mit Geflüchteten kommen einige Betriebe mit dem Thema Traumatisierung in Berührung. Dr. Mercedes Hillen, Leiterin des Zentrums ÜBERLEBEN gGmbH i. Gr., gibt Tipps zum Umgang mit traumatisierten Beschäftigten und zeigt auf, wann Führungskräfte besser auf externe Unterstützung zurückgreifen. Das Interview wurde im Rahmen des Projekts "Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt" (psyGA) erstellt.

Frau Dr. Hillen, sind traumatisierte Geflüchtete für Betriebe überhaupt ein Thema?

MH: Momentan ist das für die wenigsten Unternehmen ein Thema, denn es dauert, bis die große Zahl von Geflüchteten im Arbeitsleben ankommt. Sie müssen ja zuerst einmal Deutsch lernen und ihr Aufenthaltsstatus muss geklärt sein. Ich bin aber sicher, dass der Umgang mit Geflüchteten und dem, was sie erlebt haben, ein Thema werden wird. Wenn, wie wir hoffen, viele der Geflüchteten ins Arbeitsleben integriert werden, müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sensibel dafür sein, dass diese Menschen Schlimmes erlebt haben und dass das eine Herausforderung sein kann. Trotzdem sollten Unternehmen davor keine Angst haben. Neuen Studien zufolge sind etwa 30 Prozent der Geflüchteten, die in Deutschland ankommen, im medizinischen Sinne traumatisiert. Das sind weniger, als wir bisher dachten. Wenn Betriebe sich schon vorab mit diesem Thema befassen und sich darauf einstellen, birgt die Beschäftigung von Geflüchteten ein großes Potenzial für beide Seiten.

Inwiefern?

MH: Aufgrund des demografischen Wandels braucht die Wirtschaft dringend Arbeitskräfte und gut ausgebildete Fachkräfte. Zum anderen ist ein strukturierter und geregelter Tagesablauf für Geflüchtete extrem hilfreich. Eine feste Struktur und das Gefühl, etwas zu tun zu haben – beides lenkt ab und hilft, sich wieder auf andere Dinge zu konzentrieren als das Erlebte. Arbeit steigert dazu noch das Selbstwertgefühl und gibt den Geflüchteten das Gefühl zurück, leistungsfähig zu sein. Ich glaube deshalb, dass es am Arbeitsplatz gar nicht so viele kritische Situationen geben wird. Erinnerungen an das Erlebte kommen wahrscheinlich eher am Feierabend oder in der Freizeit wieder zum Vorschein. Trotzdem kann es natürlich auch am Arbeitsplatz zu schwierigen Momenten oder herausforderndem Verhalten kommen, darauf sollte die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber sich einstellen und vorbereiten.

Angenommen, ich als Arbeitgeberin oder Arbeitgeber möchte eine Geflüchtete oder einen Geflüchteten einstellen: Wie bereite ich das vor? Was sage ich den zukünftigen Kolleginnen und Kollegen?

MH: Den Beschäftigten gegenüber sollte ich daraus gar keine große Sache machen, denn sonst fördere ich Vorurteile und Berührungsängste. Die Prämisse sollte sein, mit der neuen Kollegin oder dem Kollegen ganz normal umzugehen. Wenn sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt und die- oder derjenige aus der Vergangenheit erzählen möchte, wird sich das schon ergeben. Wichtig ist in meinen Augen aber, dass es, je nach Betriebsgröße, einen oder mehrere Vertrauenspersonen gibt, die im Umgang mit Traumatisierungen oder Belastungen generell geschult sind. Das ist im Übrigen nicht nur für den Umgang mit Geflüchteten wichtig. Auch für die restliche Belegschaft ist es gut zu wissen, dass sie sich bei Problemen an jemanden wenden kann, der darauf vorbereitet ist. Das kann beispielsweise auch bei Suchterkrankungen sehr hilfreich sein. Diese Vertrauensperson kann, muss aber nicht eine Führungskraft sein. Im Idealfall lassen sich die Führungskraft und die Vertrauensperson zusammen schulen, einfach um sensibilisiert zu sein.

Wo und wie sind solche Schulungen möglich?

MH: Da das Thema im Arbeitsalltag wie gesagt noch nicht wirklich angekommen ist, gibt es meines Wissens nach keine speziellen Schulungen für Betriebe oder Führungskräfte im Umgang mit traumatisierten Geflüchteten. Aber wir beim Zentrum ÜBERLEBEN beispielsweise machen schon viele Schulungen für Erzieherinnen und Erzieher, Mitarbeitende in Wohngruppen etc. Die Inhalte sind da im Prinzip dieselben, es geht um den Umgang mit Traumata. Als Unternehmen kann man sich hierfür am besten an eines der psychosozialen Zentren in Deutschland wenden, die sich in der Dachorganisation BAfF zusammengeschlossen haben. Vielerorts gibt es auch schon Netzwerke, die hier unterstützen – in Berlin beispielsweise das Netzwerk Bridge. Kleineren Unternehmen rate ich, sich mit anderen Betrieben in der Region zusammenzuschließen, um mehrere Personen für eine solche Schulung zusammenzubekommen.

Und wie verhalte ich mich gegenüber der oder dem neuen Beschäftigten?

MH: Ich als Arbeitgeberin oder Arbeitgeber weiß ja erst einmal nicht, was die- oder derjenige erlebt hat und wie sie oder er das verarbeitet hat. Ich würde empfehlen, nach der Einstellung ganz offen das Gesprächsangebot zu machen, ohne zu drängen. Ich sollte signalisieren, an wen sich die oder der Geflüchtete wenden kann, wenn es Gesprächsbedarf gibt, und dass wir als Unternehmen gerne helfen. Im Idealfall mache ich das Angebot einer Vertrauensperson sowieso allen Beschäftigten. Falls ich das noch nicht getan habe, könnte das eine gute Gelegenheit sein. Und dann sollte ich erst einmal abwarten, wie es im Arbeitsalltag läuft. Viele Geflüchtete verarbeiten das Erlebte gut. Ich sollte nicht darauf "warten", dass es Schwierigkeiten gibt.

Woran erkenne ich als Arbeitgeberin bzw. Arbeitgeber oder Kollegin bzw. Kollege überhaupt, dass jemand psychisch stark belastet oder sogar traumatisiert ist?

MH: Bei posttraumatischen Belastungsstörungen gibt es vier häufige Symptomgruppen: Erstens das Wiedererleben der schlimmen Situationen, beispielsweise in Albträumen oder Flashbacks im Wachzustand. Zweitens das Vermeidungsverhalten, bei dem man allem aus dem Weg geht, was an das Erlebte erinnern könnte. Davon sprechen wir zum Beispiel, wenn Personen ihre Familie nicht mehr sehen wollen, weil die in den belastenden Situationen anwesend war (ohne aber schuld daran gewesen zu sein). Drittens die Entfremdung, die sich beispielsweise in starkem sozialen Rückzug zeigen kann, aber auch in Stimmungsschwankungen oder dem dauerhaften Wunsch, allein zu sein. Viertens Überreaktionen auf Alltagssituationen wie Wutausbrüche oder übertriebene Schreckhaftigkeit. Oft sind die Symptome aber auch unspezifisch. Das können auch Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten sein, die man von vielen anderen Erkrankungen kennt. So etwas einzuschätzen, lernt man beispielsweise in einer der Schulungen, die ich empfohlen habe.

Wenn ich als Führungskraft oder Kollegin bzw. Kollege solche Symptome beobachte, wie gehe ich damit um?

MH: Erst einmal sollte ich sensibel dafür sein, dass ein solches Verhalten von einem Trauma kommen kann. Dann sollte ich das Gesprächsangebot vom Anfang wiederholen bzw. auf die geschulte Vertrauensperson verweisen. Ich kann natürlich auch auf die Vertrauensperson zugehen, sie auf meine Beobachtung aufmerksam machen und sie bitten, den die Kollegin oder den Kollegen gezielt anzusprechen.

Was mache ich, wenn die oder der oder die Geflüchtete das Gesprächsangebot ablehnt?

MH: Hier gilt natürlich dasselbe wie bei allen Beschäftigten: Ich kann niemanden zum Gespräch zwingen. Ganz ähnlich kann es sein, wenn ich jemanden auf eine vermutete Suchterkrankung oder private Probleme anspreche – vielleicht macht die- oder derjenige dicht. Wichtig ist, als Vertrauensperson oder Führungskraft ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, zu signalisieren, dass ich mich ehrlich sorge und dass ich denke, dass Unterstützung der oder dem Betroffenen wirklich helfen könnte.

Angenommen, ich bin die Vertrauensperson der oder des Geflüchteten und erfahre von ihren oder seinen Erlebnissen: Wie weit kann ich selbst helfen, wann muss ich eine Grenze ziehen und externe Unterstützung anfragen?

MH: Wenn ich als Vertrauensperson geschult wurde, habe ich gelernt, auf das Erzählte zu reagieren und es einzuschätzen. Trauma ist eine sehr individuelle Sache: Manch einer verarbeitet schlimme Situationen gut, wenn er ein paar Mal darüber redet. Andere belasten dieselben Erlebnisse auf Dauer. Als Faustregel gilt: Wer auch nach etwa drei Monaten Erlebnisse noch als belastend wahrnimmt und dauerhaft zuvor genannte Symptome hat, der sollte eine professionelle externe Betreuung aufsuchen. Außerdem sollte sich natürlich auch die Vertrauensperson immer Unterstützung holen, wenn sie sich selbst mit dem Erzählten oder der Situation überfordert fühlt. Eine Vertrauensperson im Betrieb kann sehr helfen, ist aber keine Therapeutin bzw. kein Therapeut und sollte sich auch niemals in dieser Verantwortung sehen. Ich kann in dieser Situation einfach versuchen, die Angst vor einer psychologischen Betreuung zu nehmen, und anbieten, beim ersten Besuch dabei zu sein oder zumindest den ersten Kontakt herzustellen.

Von wo kann eine solche externe Unterstützung kommen?

MH: Das ist unterschiedlich, denn die Unterstützung sollte ja möglichst aus derselben Region kommen. Auch hier sind die psychosozialen Zentren des BAfF und regionale Netzwerke gute erste Anlaufstellen, die einen sonst auch an passende Institutionen verweisen können. Die BAfF bietet ein Verzeichnis und eine Landkarte ihrer Mitgliedsinstitutionen.