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Baklava trifft Sahnetorte

13. Oktober 2016

Herr Brand gemeinsam mit seinem Auszubildenden.

Die Bäckerei Brand in Kirchheimbolanden beschäftigt einen geflüchteten Syrer. Eine Geschichte über Herrn Mohammads Liebe zu Süßigkeiten, ein Hausverbot und alltäglich praktizierte Integration.

Freitagvormittag in Kirchheimbolanden, einer 7.800-Seelen-Gemeinde in Rheinland-Pfalz. Abdulkader Mohammad ist seit zwei Uhr auf den Beinen, morgens um drei beginnt sein Dienst in der Bäckerei Brand. Gerade bereitet er mit Kolleginnen und Kollegen zwei Hochzeitstorten für das Wochenende vor.

Ich mag Kuchen und Süßigkeiten, immer schon. Zuhause habe ich angefangen zu backen, arabische Süßigkeiten, Baklava, andere Kuchen. Ich liebe diesen Beruf, sagt Mohammad, der nach einem Praktikum am 1. Mai 2016 seine Ausbildung zum Konditor in der Bäckerei Brand begonnen hat. Vorgezeichnet war dieser Weg nicht: In Syrien, erzählt der 27-Jährige, habe er zwei Jahre Sport studiert und in einer Keksfabrik gearbeitet, bevor ihn die Flucht vor anderthalb Jahren nach Deutschland führte. Monate des Wartens, Bürokratie, Sprachunterricht, Orientierungskurs – dann bewarb er sich in der Bäckerei Brand. Im Nachhinein wirkt das wie eine glückliche Fügung für beide Seiten.

Verschiedene Migrationshintergründe in der Belegschaft

Er sei talentiert und hochmotiviert, sagt Inhaber Klaus Brand über seinen Auszubildenden. Das sei entscheidend gewesen bei der Einstellung. Wenn man dazu einem Geflüchteten eine Perspektive bieten könne: umso besser. Der 46-Jährige führt den Familienbetrieb mit zehn Filialen und 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in vierter Generation. Verschiedene Migrationshintergründe in der Belegschaft und eine kollegiale Atmosphäre gehören für ihn zur Unternehmenskultur: Wer bei uns anfängt, bekommt diese Offenheit direkt mit. Das bestätigt auch Mohammad. Anfangs stand ihm eine kurdische Kollegin eng zur Seite, die seine Sprache spricht. Doch das tägliche Training erweiterte seine Deutschkenntnisse schnell. Die nächste Hürde war die Berufsschule: Bevor im August offiziell sein erstes Jahr begann, konnte er als Gastschüler einige Wochen austesten, ob er dem Unterricht folgen kann. Eine wichtige Erfahrung. Anfangs habe er wenig verstanden, aber inzwischen klappe das ganz gut. Er und sein Chef sind zuversichtlich.

Netzwerke, rechtliche Beratung, Flexibilität – darauf kommt es an

Integration scheint in der Bäckerei Brand beispielhaft gut zu funktionieren. Dafür gibt es Gründe: Einer ist sicherlich die Persönlichkeit und positive Haltung von Inhaber Brand, der selbstverständlich und pragmatisch mit dem Thema umgeht: "Es ist wichtig, dass es praktisch funktioniert. Integration findet ja im Alltag statt: Vermittlung, Netzwerke, Rechtsberatung, Flexibilität – darauf kommt es an."

Und doch läuft nicht alles reibungslos: Bis Mohammads Arbeitsgenehmigung endlich vorlag, brauchte es mehrere Nachfragen bei den zuständigen Ämtern, dabei bekam Brand Unterstützung und Rechtsberatung von der Flüchtlings-Netzwerkerin der örtlichen Handwerkskammer. Sie hatte auch den ersten Kontakt hergestellt und Mohammads Bewerbung betreut.

Klaus Brand

Warum ich Herrn Mohammad eingestellt habe? Weil er sich beworben hat und weil wer talentiert und hochmotiviert ist. Das müssen alle Bewerberinnen und Bewerber mitbringen. Wenn man dazu noch einem Geflüchteten eine Perspektive bieten kann, ist das umso besser.

Wo es nötig ist, kann Brand auch deutlich werden: Im März machte ein Kunde im Laden rassistische Bemerkungen und beschimpfte Brand am Telefon, nachdem er in der Auslage gelesen hatte, dass die Bäckerei einen Praktikanten aus Syrien beschäftigt. Brand erteilte dem Kunden daraufhin Hausverbot und postete die Meldung spontan unter dem Hashtag #refugeeswelcome auf seinem Twitter-Account. In kürzester Zeit erhielt sie über 2.000 "Likes", Spiegel Online veröffentlichte ein Interview, Kundinnen und Kunden gratulierten. Die große Resonanz freute Brand, machte ihn aber auch nachdenklich. Es habe im Prinzip keinen Nachrichtenwert. Das sei doch normal – eigentlich.

Dass der "Tweet" unterm Strich eher zur Werbekampagne wurde, ist eine Bestätigung für Brands klare Haltung. Abdulkader Mohammad fühlt sich inzwischen in Kirchheimbolanden gut aufgenommen. Er spielt in seiner Freizeit im Fußballklub und hat Zukunftspläne: erst die Ausbildung, dann den Meister und vielleicht ein eigener kleiner Laden mit deutschen und syrischen Backwaren. Derzeit stehen die Chancen dafür nicht schlecht.

Weitere Tipps für den Berufsalltag

Teilnahme an Firmenevents

Firmenfeiern oder informelle Treffen nach Feierabend
wie Grillabende fördern den Austausch und Zusammenhalt der Belegschaft. Nehmen Geflüchtete von Beginn an an diesen Veranstaltungen teil, erleichtert das die Integration in den Betrieb.

Offene Gesprächskultur

Der offene Austausch und gegenseitiges Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen und kulturelle Besonderheiten sind wichtig für eine gute Zusammenarbeit. Manchmal braucht es dazu auch klare Worte. Konflikte sollten nicht umgangen, sondern thematisiert werden.

Unternehmenswerte kommunizieren

Es ist hilfreich, Unternehmenswerte wie Offenheit und Toleranz zu formulieren, sie regelmäßig in der Belegschaft zu kommunizieren und mit den Angestellten zu besprechen.

Vorurteile abbauen

Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber können aktiv dazu beitragen, Vorurteile innerhalb der Belegschaft abzubauen, indem sie Konflikte offen ansprechen. Oft lassen sich Unsicherheiten klären, wenn sie transparent gemacht und sachlich diskutiert werden.

Vorbereitung der Belegschaft

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, kann die Geschäftsleitung die Belegschaft über die Ankunft einer oder eines neuen Beschäftigten mit Fluchterfahrung informieren und etwas zu deren oder dessen Biografie sowie möglichen Sprachbarrieren sagen.

Gleichbehandlung

Unternehmen können in der Belegschaft kommunizieren, dass alle Beschäftigten die gleichen Rechte und Pflichten haben – egal, ob es sich um Beschäftigte mit oder ohne Fluchterfahrung handelt. Das sorgt für mehr Ausgewogenheit im Unternehmen.

Teamarbeit fördern

Nichts verbindet mehr, als gemeinsam die Lösung für ein Problem zu finden. Geflüchtete können gezielt in einem Team eingesetzt werden, um an einer Problemlösung mitzuwirken.