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Integration durch Gründung

18. Mai 2018

Drei Frauen arbeiten an einem Schreibtisch.

Menschen, die mit Fluchtbiografien nach Deutschland gekommen sind, brauchen Unterstützung und Begleitung, um auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Gefragt sind individuelle und kreative Lösungen, die jedoch nicht immer neu erfunden werden müssen. "In Arbeit" sprach mit Ramona Lange, Leiterin des Projekts "Frauen mit Fluchterfahrung gründen", über die Umsetzung und Ziele des Projekts, über die Beweggründe der Gründerinnen und über hilfreiche Erfahrungen aus dem bereits abgeschlossenen Projekt "Migratinnen gründen".

Frau Lange, Sie leiten das Projekt "Frauen mit Fluchterfahrung gründen". Was sind die Ziele des Projekts?

RL: Mit dem Projekt verfolgen wir in erster Linie drei Ziele: die Chancengleichheit bzw. Gleichstellung der Geschlechter, die Integration der Frauen in die Arbeitswelt und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit.

Die Chancengleichheit der Geschlechter ist gerade vor dem Hintergrund der kulturellen Unterschiede und tradierten Rollenbilder sehr wichtig. Der Zugang zum Arbeitsmarkt über eine berufliche Selbstständigkeit kann eine erfolgreiche Integration der geflüchteten Frauen erleichtern. Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit versuchen wir schließlich durch eine verstärkte Kommunikation mit Multiplikatoren und Akteuren in unterschiedlichen Bereichen zu erreichen, damit auch hier das Potenzial der Frauen mit Fluchterfahrung erkannt wird.

"Frauen mit Fluchterfahrung gründen" hat eine Laufzeit von drei Jahren. Was ist in diesem Zeitrahmen geplant?

RL: Wir haben in der Umsetzung sehr fluide Prozesse, die ineinander greifen. Grundsätzlich wollen wir im ersten Jahr die Frauen ansprechen, sensibilisieren und ihre Kompetenzen ermitteln. Im zweiten Jahr entwickeln wir dann eine konkrete Geschäftsidee inklusive Business- und Finanzplan und stellen den Frauen alle für diesen Schritt notwendige Unterstützung zur Verfügung. Das dritte Jahr ist dafür vorgesehen, den Markteintritt zu begleiten, damit die Frauen auch nach der Gründung Support haben und bei den ersten Aufträgen, Abwicklungen etc. nicht alleine dastehen.

Was sind die Beweggründe der Frauen, an dem Projekt teilzunehmen? Welche Motivation haben sie zur Gründung?

RL: Bei den geflüchteten Frauen haben wir eine hohe Heterogenität: vom Bildungsstand über die Qualifikationen bis zur Berufserfahrung. Einige brauchen vor allem Orientierung bezüglich beruflicher Möglichkeiten in Deutschland. Andere haben bereits den Entschluss zur Selbstständigkeit gefasst und kommen mit einer konkreten Idee zu uns.

In jedem Fall ist Emanzipation eine große Motivation für die Frauen. Einige haben Gleichstellung schon in ihrer Heimat zu leben versucht. Das merkt man unter anderem daran, dass sie sehr von ihren Männern unterstützt werden. In anderen Kulturkreisen ist das Thema wiederum etwas ganz Neues für die Frauen und es gibt keinerlei Erfahrungen. Dann müssen sie sich erst einmal langsam anschauen, wie das in Deutschland funktioniert, um selbst diesen Weg gehen zu können.

"Frauen mit Fluchterfahrung gründen" ist auch ein Mentoringprogramm, bei dem Unternehmerinnen und Unternehmer als Mentoren zur Verfügung stehen. Wie wird das konkret umgesetzt? Wieso sollten sich Unternehmerinnen und Unternehmer an dem Projekt beteiligen?

RL: Bei dem Programm wollen wir einen Cross-Mentoring-Ansatz verfolgen, das heißt die Mentorinnen und Mentoren haben sowohl beruflich als auch kulturell einen anderen Hintergrund als ihre Mentees. Dieser Ansatz hat sich in der Vergangenheit als sehr bereichernd erwiesen. In manchen Fällen bauten die Tandems eine so gute Beziehung auf, dass sie sogar ein Business oder bestimmte Angebote gemeinsam realisierten.

Für die Mentorinnen und Mentoren bietet das Engagement vor allem die Chance, über den eigenen Tellerrand zu schauen, mit tollen Menschen zusammenzuarbeiten und vielleicht auch das eigene Geschäftsmodell aus einer kulturell neuen Perspektive heraus zu überprüfen.

Das Projekt ist ja noch in der Anfangsphase, aber können Sie trotzdem schon etwas über die Geschäftsideen verraten?

RL: Das ist oft sehr unterschiedlich und hängt auch davon ab, was die Frauen aus ihrer Berufsbiografie mitbringen. Ganz weit oben rangiert aber auf jeden Fall das Thema Gastronomie. Viele möchten ein eigenes Restaurant eröffnen oder einen Catering-Service starten.

Vor dem Projekt "Frauen mit Fluchterfahrung gründen" leiteten Sie auch das Projekt "Migrantinnen gründen", dass nach einer Laufzeit von zwei Jahren Ende 2016 erfolgreich beendet wurde. Können Sie aus diesem Projekt eine Bilanz ziehen?

RL: Bei dem Projekt „Migrantinnen gründen“ hatten wir 60 Bewerbungen, woraus insgesamt 25 Tandems entstanden sind. Ca. 80% der Beteiligten sind jetzt in der Selbstständigkeit und einige wurden durch eine Festanstellung in den Arbeitsmarkt integriert, was für uns ein ebenso großer Erfolg ist. Die Teilnehmerinnen kamen aus 19 Ländern und 4 Kontinenten: Afrika, Asien, Europa und Nordamerika. Es gab also eine große kulturelle Vielfalt.

Verfolgen Sie noch heute den Weg der ehemaligen Mentees?

RL: Wir stehen im regelmäßigen Austausch, das heißt wir treffen uns und die Mentees kommen auch immer wieder mal zu mir für ein bisschen Support. Außerdem kann ich natürlich über Social Media verfolgen, was die ehemaligen Mentees, jetzt Gründerinnen und Unternehmerinnen, so tun. Das ist für mich eine große Freude. Es macht einfach Spaß zu sehen, dass sie erfolgreich unterwegs sind.

Weitere Informationen

Hintergrundinformationen

Bei dem Projekt "Frauen mit Fluchterfahrung gründen" konnten bereits 180 Kontakte zu Frauen mit Fluchterfahrung hergestellt werden. Daraus ergaben sich 40 Erstgespräche. 26 Teilnehmerinnen wurden bzw. werden individuell beraten. 11 davon haben eine gewisse Vorstellung, mit was sie sich selbstständig machen möchten. Die beteiligten Frauen mit Fluchterfahrung kommen hauptsächlich aus Afghanistan und Syrien. Bisher sind an dem gesamten Verlauf 5 Mentorinnen und Mentoren beteiligt.

Handbuch "Leitfaden und praxisorientierte Vorschläge aus dem Projekt MIGRANTINNEN gründen"

Bei dem Projekt "Migrantinnen gründen" entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Mittelstandsforschung ein Handbuch mit praxisorientierten Vorschlägen und Erkenntnissen.