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Diversity Management

13. Oktober 2016

"Habt mehr Mut!"

Manager

Sie arbeiten dort, wo andere Urlaub machen: Im bayrischen Uffing am Staffelsee sind 48 Beschäftigte der Internetfirma Seitwerk für namhafte Kunden tätig, von Autoherstellern bis zu bekannten Fußballclubs. Geflüchtete aus Somalia, Afghanistan und Syrien absolvieren in dem Unternehmen eine Ausbildung oder haben sie bereits abgeschlossen. Warum es ihm wichtig ist, Geflüchteten eine Chance zu geben und welche Missverständnisse mit den neuen Kollegen ausgeräumt werden mussten, erzählt Seitwerk-Inhaber Jürgen Janku im Interview.

Herr Janku, Sie haben bereits drei Geflüchtete als Auszubildende in Ihrem Unternehmen eingestellt. Was ist der Grund? Der Fachkräftemangel? Oder wollen Sie einfach Gutes tun?

JJ: Der Fachkräftemangel spielt dabei keine Rolle. Wir sind in der IT-Branche tätig, Bewerbungen kriegen wir genug. Es geht schon darum, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Aber entscheidend ist für uns die Mischung, der richtige Mix im Betrieb. Wir haben einen Frauenanteil von 40 Prozent, was für die Branche ungewöhnlich hoch ist. Wir achten bei der Einstellung von Auszubildenden darauf, dass nicht nur Gymnasiasten, sondern auch Haupt- und Realschüler eine Chance bekommen. Und wir haben schon immer Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt. Die Erfahrung lehrt uns einfach, dass es dem Betrieb und den Leuten guttut, wenn man eine gesunde Mischung hat. Wir lernen alle voneinander.

Woher kommen die Geflüchteten?

JJ: Sie kommen aus jenen Ländern, von deren Kriegen wir regelmäßig in den Nachrichten hören. Einer, Sahid, der seine Ausbildung bereits abgeschlossen hat, kam aus Somalia. Er wollte gerne in die Großstadt und lebt inzwischen in Hamburg. Unser afghanischer Auszubildender ist seit einem Jahr bei uns, unser neuer Kollege stammt aus Syrien. Alle wurden bzw. werden zu Fachinformatikern ausgebildet.

Wie haben Sie die jungen Männer gefunden?

JJ: Wir arbeiten mit der Bundesagentur für Arbeit zusammen und ich kann nur sagen: die Zusammenarbeit klappt sehr gut. Gewisse Sprachkenntnisse sind erforderlich und wir führen natürlich auch Bewerbungsgespräche.

Welche Erfahrungen machen Sie bei Bewerbungsgesprächen? Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die Gespräche und was erwarten die Geflüchteten?

JJ: Wir haben keine besonderen Erwartungen. Da sitzt ein junger Mensch, der braucht Hilfe, und wir können ihm helfen. Wer soll es denn sonst tun, wenn nicht wir? Die Geflüchteten haben auch keine besonderen Wünsche oder Forderungen. Die haben existenzielle Sorgen und sind erst mal froh, untergekommen zu sein. Sie haben keinen Karriereplan in der Tasche. Wie sollten sie auch, denn in ihren Herkunftsländern gibt es keine vergleichbaren Ausbildungsformen. Bei den Bewerbungsgesprächen muss man auf ein paar Besonderheiten achten, aber im Großen und Ganzen laufen sie normal ab.

Können Sie uns eine der Besonderheiten nennen?

JJ: Bei einem Bewerbungsgespräch will man ja eine gute Figur machen und manchmal trägt man etwas zu dick auf bei der Beschreibung der eigenen Fähigkeiten. Und in anderen Ländern wird halt noch dicker aufgetragen, das ist praktisch Teil der Verhandlungsführung. Man darf deshalb als Arbeitgeber nicht beleidigt sein oder misstrauisch. Es ist eine andere Verhandlungskultur. Man muss nur etwas mehr von dem Erzähltem abziehen als man es bei deutschen Bewerbern tut – dann passt es wieder. Man darf von dieser Verhandlungstaktik nicht auf das spätere Verhalten im Betrieb schließen. Dort sind sie – das ist unsere Erfahrung – äußerst ehrlich, verlässlich und anständig.

Wie klappt es im Betrieb? Treten oft Probleme auf oder verläuft die Zusammenarbeit harmonisch?

JJ: Die Zusammenarbeit klappt sehr gut, aber natürlich läuft nicht immer alles harmonisch ab. Nehmen wir ein Beispiel: ein geflüchteter Kollege kam öfter unpünktlich, obwohl er eigentlich ein zuverlässiger Mitarbeiter ist. Ich habe ihn deshalb zur Seite genommen und ihm gesagt, dass das nicht geht. Wie sich herausstellte, kam er zu spät, weil er private Angelegenheiten in der Fehlzeit erledigt hat. Er wusste nicht, dass er einen Urlaubsanspruch hat und genügend Zeit, sich um familiäre Angelegenheiten zu kümmern. Dinge, die wir als selbstverständlich erachten, sind am Ende nicht selbstverständlich.

Hat ihm niemand gesagt, dass er Urlaub bekommt?

JJ: Doch, natürlich. Aber er hatte es offenbar nicht wirklich verstanden, obwohl seine Deutschkenntnisse ganz passabel sind. Dahinter verbirgt sich ein Problem, das wir bei Männern aus muslimischen Ländern des Öfteren beobachtet haben, obwohl es auch uns selbst nicht fremd sein dürfte: die Unfähigkeit, Fehler oder Unzulänglichkeiten einzugestehen. Viele Missverständnisse und Konflikte haben damit zu tun, dass manche Geflüchtete sich lieber durchschlawinern, wie wir in Bayern sagen, als zuzugeben, dass sie etwas nicht verstehen, nicht wissen oder falsch gemacht haben.

Man hört oft, dass Geflüchtete Frauen nicht als Vorgesetzte akzeptieren. Gab es da bei Ihnen auch Probleme?

JJ: Nein, diese Probleme haben wir nicht. Wenn es bei unseren geflüchteten Mitarbeitern solche Anwandlungen gab, was ich nicht glaube, wurden sie von unseren Mitarbeiterinnen im Keim erstickt. Wir haben hier eine junge Kollegin, deren unkonventionelles Auftreten eher an Kreuzberg als Kabul erinnert. Die hat die neuen Kollegen frühzeitig eingebunden.

Wie sieht es mit dem Ausbildungsstand der Geflüchteten aus? Muss man bei null anfangen oder gibt es ausreichendes Vorwissen.

JJ: Das lässt sich so allgemein nicht beantworten, es hängt ja auch von der Tätigkeit ab. Mir ist etwas Anderes wichtig: Vergesst die Noten, mit denen die Geflüchteten ihren Abschluss an der Berufsschule machen. Die sind meistens schlecht, aber das sagt nichts aus über ihre Fähigkeiten – die beweisen sie Tag für Tag im Betrieb. Wir können nicht erwarten, dass jemand in zwei Jahren Schule aufholt, wofür andere zehn Jahre Zeit hatten. Sie müssen in einer fremden Sprache Aufgaben lösen, die oft auch sehr abstrakt für sie sind. Wenn unsere Auszubildenden mit einer Vier ihre Prüfungen bestehen, dann reicht mir das völlig. Am Ende zählt der Wille sich einzubringen und da haben wir nie ein Problem gehabt. Sie wollen arbeiten und niemanden auf der Tasche liegen. Denn das wird auch in ihrer Kultur nicht akzeptiert.

Dennoch sträuben sich viele Unternehmen aus verschiedenen Gründen noch, Geflüchtete einzustellen. Was sagen Sie denen?

JJ: Habt mehr Mut! Gerade das Handwerk sucht doch händeringend nach Fachkräften. Genau darüber habe ich mich mit einem befreundeten Handwerker unterhalten. Er suchte Leute, war aber skeptisch gegenüber der Einstellung eines Geflüchteten. Er hat es dann doch gemacht und nur wenige Wochen später war er hellauf begeistert. Natürlich läuft es nicht immer so glatt, aber ich bin eben nicht der einzige, der gute Erfahrungen gemacht hat. Die meisten Geflüchteten wollen arbeiten, sie sind fleißig und loyal, zuverlässig und engagiert. Und sie können auch was, wenn man ihnen die Chance gibt. Man braucht etwas Geduld, muss Zeit und Energie investieren, aber am Ende lohnt es sich – für das Unternehmen, für den Geflüchteten und am Ende für uns alle.

Eine zweite Botschaft wäre: Lasst Euch nicht verrückt machen! Die Menschen, die im letzten Jahr gekommen sind, sind nicht die ersten Einwanderer. Deutschland liegt im Herzen Europas, hier wurde seit Jahrhunderten ein- und ausgewandert. Die italienischen und türkischen Kollegen haben maßgeblich zum Wirtschaftswunder beigetragen, in den 90iger Jahren haben wir verstärkt Zuwanderung aus Mittel- und Osteuropa erlebt. Die deutsche Gesellschaft ist bunt und sie ist es schon seit langem. Auch das christliche Abendland ist nicht in Gefahr. Und wir sollten es nicht missbrauchen, um Muslime zu diffamieren, sondern uns auf unsere moralische Pflicht als Christen besinnen und Menschen in Not helfen. Die Geflüchteten werden es schaffen! Es dauert, aber sie werden ankommen in ihrer neuen Heimat, in dem Beruf, der zu ihnen passt und in einer Gesellschaft, die durch sie noch ein wenig bunter wird.