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Wir können uns vor Anfragen kaum retten

13. September 2017

Becher mit Stiften auf einem Schreibtisch.

Wie können kleine und mittlere Unternehmen (KMU) Geflüchtete einstellen und erfolgreich integrieren? Und wie finden Geflüchtete eine Stelle, die zu ihnen passt? Um beide Seite zusammenzubringen, helfen seit 2016 die Willkommenslotsinnen und -lotsen des Projekts „Passgenaue Besetzung“. Sie beraten, vermitteln und vernetzen KMU und Geflüchtete. Wir sprachen mit Shabena Aissa, Willkommenslotsin der Niederrheinischen IHK, darüber, wie sie ihre Arbeit gestaltet und welche Erfahrungen sie dabei macht.

Frau Aissa, Sie zählen zu 150 Willkommenslotsinnen und -lotsen, die bundesweit kleine sowie mittlere Unternehmen und Geflüchtete zusammenbringen. Welche Idee steckt hinter dem Konzept?

SA: Die Willkommenslotsen sind eine Erweiterung des bereits bestehenden erfolgreichen Programms „Passgenaue Besetzung“, die junge Menschen und Unternehmen mit offenen Ausbildungsstellen verbindet. Im letzten Jahr wurde das Projekt ergänzt, um auch Geflüchteten den Berufseinstieg zu erleichtern. Besonders kleine und mittlere Unternehmen sollen bei der passgenauen Besetzung offener Stellen unterstützt werden. Dabei gilt es auch dafür zu sensibilisieren, dass Geflüchtete langfristig eine Bereicherung für die Betriebe darstellen können – als Auszubildende und als Fachkräfte. Wir beraten und begleiten die Unternehmen bei allen Fragen rund um die betriebliche Integration. Gleichzeitig unterstützen wir Geflüchtete bei der beruflichen Orientierung und informieren über das duale Ausbildungssystem.

Wie kommt der Kontakt zu Geflüchteten und Unternehmen zustande?

SA: Die Geflüchteten erreiche ich über ganz verschiedene Kanäle, wie den internationalen Förderklassen des Berufskollegs, den Wohlfahrtsverbänden oder Arbeitskreisen ehrenamtlicher Helfer. Für die Betriebe nutze ich die IHK-Strukturen und arbeite unter anderem eng mit der Ausbildungsberatung zusammen. Auch die Zusammenarbeit mit den Institutionen des Regelsystems spielt eine wichtige Rolle. Zu Beginn des Projekts haben wir zudem knapp 2000 Ausbildungsbetriebe nach ihrer Bereitschaft zur Integration Geflüchteter gefragt. Daraus hat sich eine gute Grundlage ergeben, auf die wir bei der Vermittlung zurückgreifen können.

Sie haben bereits die Sicherung der Fachkräfte für Unternehmen angesprochen – gibt es wei-tere Motive, weshalb sich Unternehmen an Sie wenden?

SA: Der Fachkräftemangel spielt sicherlich eine Rolle, gerade in unserem teilweise ländlich geprägten Kammerbezirk. Vor allem für kleine und mittlere Unternehmen können Geflüchtete eine Chance sein, langfristige Engpässe bei Fachkräften zu überwinden. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer verspüren aber auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Sie wollen Geflüchteten eine Chance geben und etwas beitragen. Diese Motivation begegnet mir sehr oft.

Angenommen, eine Unternehmerin oder ein Unternehmer meldet sich bei Ihnen mit der Absicht, eine Geflüchtete oder einen Geflüchteten in den Betrieb aufzunehmen. Wie sieht Ihre Arbeit dann aus?

SA: In einem ersten Schritt erarbeite ich mit dem Unternehmen das Mitarbeiteranforderungsprofil. Hier finden sich dann beispielsweise Angaben zu den Qualifikationen, die Bewerberinnen und Bewerber mitbringen müssen. Dann treffe ich eine Vorauswahl und stelle dem Unternehmen mögliche Kandidatinnen und Kandidaten vor. Wenn es zu einem Bewerbungsgespräch kommt, begleite ich dieses und unterstütze im Anschluss bei administrativen Fragen rund um den Ausbildungsvertrag oder die Einstiegsqualifizierung.

Endet Ihre Arbeit als Willkommenslotsin, wenn der Vertrag unterschrieben ist?

SA: Nein, meine Beratungsleistung endet nicht kurzfristig. Auch nach der Vertragsunterzeichnung stehe ich als Ansprechpartnerin zur Seite und unterstütze bei flankierenden Fördermöglichkeiten, wie der Sprachförderung.

Hat sich bei Ihrer Arbeit ein Erfolgsrezept für die Integration Geflüchteter herausgestellt?

SA: Wir haben mit der Einstiegsqualifizierung der Agentur für Arbeit gute Erfahrungen gemacht – für beide Seiten. Es hilft einerseits den Unternehmerinnen und Unternehmern, den Geflüchteten im Rahmen eines Praktikums unverbindlich im Arbeitsalltag kennenzulernen und zu schauen, wie sich die Zusammenarbeit besonders mit dem Blick auf das Erlernen der Sprache entwickelt. Andererseits ist es auch für die Geflüchteten eine sehr gute Chance, die Arbeit kennenzulernen – insbesondere das duale Ausbildungssystem, das in den Herkunftsländern nicht bekannt ist. Mit diesem Modell mündeten bereist viele Einstiegsqualifizierzungen in einer Ausbildung. Das ist ja auch unser langfristiges Ziel.

Was müssen Unternehmen und Geflüchtete mitbringen, damit die Zusammenarbeit glückt und eine Ausbildung aufgenommen werden kann?

SA: Neben der Motivation und aktiver Mitarbeit ist die Entwicklung der Sprache bei den Geflüchteten das A und O. Seitens der Unternehmen sind eine gelebte Willkommenskultur und Geduld in der Ausbildung relevante Faktoren. Uns ist jedoch auch wichtig, dass der Mensch und sein Können im Vordergrund stehen und Geflüchtete zu normalen Teammitgliedern werden.

Seit mehr als einem Jahr arbeiten Sie als Willkommenslotsin – können Sie eine erste Bilanz ziehen? Wie wird Ihre Arbeit angenommen?

SA: Wir sind auf eine sehr positive Resonanz gestoßen. Unternehmerinnen und Unternehmer schätzen, dass es einen konkreten langfristigen Ansprechpartner gibt. Bei den Geflüchteten sind die Beratung bei der beruflichen Orientierung und der Kontakt zu den Unternehmen sehr gefragt. Mittlerweile kommen viele schon aktiv auf uns zu – momentan können wir uns vor Anfragen kaum retten.

Über Shabena Aissa

Seit 2016 ist Shabena Aissa Willkommenslotsin für das Projekt „Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) bei der passgenauen Besetzung von Ausbildungsplätzen sowie bei der Integration von ausländischen Fachkräften“ der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer. Als Ansprechpartnerin für Unternehmen und Geflüchtete ist sie in der Region für die Integration und Vermittlung geflüchteter Menschen in den Arbeitsmarkt mitverantwortlich.

Willkommenslotsen – ein Erfolg in Zahlen

Als Erweiterung des Projektes „Passgenaue Besetzung“ sind die Willkommenslotsen von der Allianz für Aus- und Weiterbildung ins Leben gerufen worden. Koordiniert vom Zentralverband des Deutschen Handwerks und gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, sprechen mehr als ein Jahr seit dem Beginn der Initiative die Zahlen für sich:

Seit dem Startschuss im März 2016 wurden mehr als 150 Willkommenslotsinnen und -lotsen vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft Köln ausgebildet. Sie sind nun an 96 Industrie- und Handelskammern und anderen Wirtschaftsorganisationen im Einsatz. Allein 2016 konnten rund 1.500 Geflüchtete in kleine und mittlere Unternehmen vermittelt werden. Davon waren 809 Praktika, 144 Hospitationen in Betrieben und 235 Vermittlungen in Einstiegsqualifizierungen. 246 Geflüchtete konnten mit Hilfe der Willkommenslotsinnen und -lotsen direkt in die Ausbildung starten und 137 Menschen haben durch das Programm eine unmittelbare Beschäftigung bei kleinen und mittleren Unternehmen gefunden.

Quelle: KOFA - Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung