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Drei Fragen über "Open Doors – Open Minds" an die Seminarleiterinnen

22. Mai 2019

Gruppenbild.

Wie spiegelt sich der innovative Ansatz von "Open Doors - Open Minds" wider? Wie unterscheidet sich das Programm von anderen Initiativen zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten?

Wir verstehen Integration als einen Prozess, der auf verschiedenen Ebenen des Lebens stattfindet, die sich gegenseitig bedingen. Darum konzentriert sich das Programm auf die Kombination aus politischer Bildungsarbeit, Engagementförderung und Berufsorientierung. Das Programm bietet Neuankommenden Wissen und Orientierung. Dieses Wissen schafft die Basis, um selbstbestimmte Entscheidungen für eine Zukunft in Deutschland treffen zu können. Beim Integrationsprozess gibt es jedoch keine Schablonen; er wird individuell gestaltet und bedarf einer persönlichen Begleitung.

Dennoch – und hier unterscheiden wir uns von anderen Programmen - spielt die Netzwerkbildung unter den Teilnehmerinnen eine ganz entscheidende Rolle. Die Teilnehmerinnen können in einer Gruppe von Gleichgesinnten nicht nur Vertrauen und Mut gewinnen, sondern sich in einem sicheren Rahmen gegenseitig spiegeln, eigene Einstellungen schärfen und gemeinsam aktiv werden; denn Selbstermächtigung und Eigenengagement sind Erfolgsfaktoren für Integration. Netzwerkbildung und Engagementförderung sind wesentliche Instrumente von "Open Doors – Open Minds", die dazu beitragen, dass es zu so gut wie keinen Programmabbrüchen kommt und es nach Abschluss der Intensivphase insgesamt hohe Vermittlungsquoten gibt.

Frauen machen circa ein Drittel der Geflüchteten aus. Werden ihre Situation und Bedürfnisse durch die bestehenden Angebote noch nicht ausreichend berücksichtigt?

Frauen sind Multiplikatorinnen in ihrer Community und in ihren Familien und Vorbilder für ihre Kinder. Sie haben daher eine besondere Rolle bei der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Integration. Wirksame Integrationsangebote müssen jedoch möglichst genau auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnitten sein. Wir beobachten und stellen fest, dass es bisher nur wenig Angebote gibt, die auf die vielfältigen Unterstützungsbedürfnisse von Frauen zugeschnitten sind. Denn wir sprechen hier über eine Reihe genderspezifischer Unterschiede wie beispielsweise die Kinderbetreuung, geschlechterspezifische Gewalt, unterschiedliche Erwerbserfahrungen im Herkunftsland oder das Kopftuch, welche für Bildungsangebote berücksichtigt werden sollten.

Hinzu kommt, dass insbesondere die Gruppe der Frauen mit akademischen Abschlüssen oft vergessen wird. Diese Zielgruppe möchten wir mit unserem Programm erreichen. Wir sehen, dass Frauen trotz hoher Bildungsabschlüsse und mit guten Deutschkenntnissen dennoch viel Unterstützung und Orientierung benötigen, um den Arbeitsmarkteinstieg in Deutschland zu meistern. Oftmals verschwinden sie als Studentinnen zwischen Studium und Jobcenter in einer Angebotslücke. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ist dies ein großer Fehler, denn viele von ihnen haben in stark nachgefragten naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen studiert.

Was sind die größten Herausforderungen auf Seiten der Unternehmen? Welche Erwartungen haben sie an die Praktikantinnen? Und wie wird die Zusammenarbeit insgesamt bewertet?

Zunächst einmal lässt sich erfreulicherweise festhalten, dass wir bei Unternehmen und Organisationen insgesamt auf Interesse stoßen, Frauen mit Fluchthintergrund bei ihrem Berufseinstieg mit einem Praktikum zu unterstützen. Oft ist es aber so, dass ein Praktikumsplatz erst durch unsere konkrete Anfrage, Recherche und Vermittlung zu Verfügung gestellt wird. Nicht selten sind daran auch engagierte Mitarbeiter*innen beteiligt, die sich im Unternehmen dafür einsetzen und sich als Mentor oder Mentorin zur Verfügung stellen. Das zeigt uns, dass es in unserer Arbeit ganz entscheidend auch darum geht, Brücken zu bauen, damit beide Seiten zueinander finden können.

Wenn wir über Erwartungen der Unternehmen sprechen, sind wir schnell auch bei den Sprachkenntnissen angekommen. Für die Gruppe der geflüchteten Frauen mit höheren Bildungsabschlüssen und guten Deutschkennnissen hat sich gezeigt, dass insbesondere die fachbezogene Sprache eine Herausforderung ist. Hierfür bieten sich berufsbezogene und begleitende Sprachkurse an. Von den oftmals sehr unterschiedlichen Sprachniveaus abgesehen darf man auch nicht vergessen, dass das Praktikum für viele der Frauen die erste praktische Berufserfahrung überhaupt ist. Dabei zeigt sich dann manchmal eine Lücke zwischen den eigenen hohen Erwartungen aufgrund des Bildungsabschlusses und den praktischen Fähigkeiten und Erfahrungen, die die Unternehmen erwarten. Andererseits ist es für Unternehmen und Organisationen schwer, die Fähigkeiten und Kompetenzen anhand ausländischer Bildungsabschlüsse einzuschätzen. Praktika und Probearbeiten zur Kompetenzermittlung sind hierfür ein bewährtes Werkzeug.

Trotz kultureller Unterschiede und institutionellen Erschwernissen stellen Unternehmen oftmals fest, dass sich die Einarbeitung und Zusammenarbeit mit geflüchteten Menschen nicht sonderlich von der Arbeit mit Menschen ohne Migrationshintergrund unterscheidet. Vielmehr sind es die kleinen Missverständnisse über informelle Regeln und Normen im Unternehmen, die zu Problemen führen. Mittels regelmäßiger Gespräche und einer festen Ansprechperson im Unternehmen können diese Herausforderungen gut gesteuert werden. Und am Ende des Tages ist es ein Lernprozess auf beiden Seiten und es gibt so gesehen nur Gewinner*innen.

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