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Integration braucht Tempo

20. Juli 2017

Näherin.

Wie steht es um die Integration Geflüchteter in Arbeit? Sind wir auf dem richtigen Weg? Und was kann Unternehmen aus wissenschaftlicher Perspektive geraten werden? Darüber sprach "In Arbeit" mit Prof. Herbert Brücker, der an der Universität Bamberg sowie am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) über internationale Migration sowie die Effekte für den Arbeitsmarkt und den Sozialstaat forscht.

Herr Prof. Brücker, Sie haben zuletzt unter anderem an einer Befragung von Geflüchteten mitgewirkt, einem Kooperationsprojekt zwischen dem IAB, dem Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und dem Sozio-oekonomischen Panel am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin. Was konnten Sie im Hinblick auf die Arbeitsmarktintegration feststellen?

HB: Wir haben beispielsweise Daten erhoben, wann Geflüchtete erwerbstätig werden: Im ersten Jahr sind es rund 10 Prozent, im zweiten 22 Prozent und im dritten 30 Prozent. Gestützt auf historische Verläufe, wie wir sie von früheren Wellen der Fluchtmigration kennen, beispielsweise Anfang der 90er Jahre im Zuge des Kriegs in Jugoslawien, gehen wir davon aus, dass in fünf Jahren 50 Prozent erwerbstätig sind. Blicken wir auf die Schulbildung, so lässt sich eine starke Polarisierung erkennen. Einerseits haben rund 20 Prozent der Geflüchteten in ihren Heimatländern entweder nur eine Grundschule besucht oder die Schule überhaupt nicht besucht. Andererseits haben über 40 Prozent weiterführende Schulen, etwa vergleichbar mit Gymnasien und Fachoberschulen, besucht. Allerdings haben nur rund 20 Prozent der Geflüchteten, die zu uns kommen, einen Hochschulabschluss oder einen beruflichen Bildungsabschluss.

Welche Auswirkungen ergeben sich daraus für die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt?

HB: Der Arbeitsmarkt hierzulande ist stark durch Abschlüsse und Zertifikate geprägt. Für viele Geflüchtete stehen daher zunächst Beschäftigungen im Fokus, die keine formale berufliche Ausbildung verlangen – aber dennoch anspruchsvolle Tätigkeiten sein können. Ein klassisches Beispiel ist das Gastronomiegewerbe. Wer selbst mal gekellnert hat, weiß wovon ich rede.

Das heißt, Geflüchtete können nur in Helferjobs arbeiten?

HB: Nein, das stimmt so nicht. Das Bildungspotenzial der Geflüchteten ist hoch. Inzwischen absolvieren viele auch Ausbildungen, das beobachten wir beispielsweise im Mittelstand. Fakt ist: Beide Möglichkeiten der Erwerbstätigkeit sind richtig, beide sind Chancen für die Geflüchteten. Sie wollen auch in einen Beruf einsteigen und da sind Angebote wie Helferjobs ein erster wichtiger Schritt.

Wie kann eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt gelingen?

HB: Grundsätzlich gilt, dass wir die Geflüchteten nicht alleine lassen dürfen. Es ist integrationspolitisch durchaus klug, Geflüchtete so früh wie möglich in eine Beschäftigung aufzunehmen. Das bedeutet zugleich, dass Sprachkurse, Bildungsangebote und Möglichkeiten der Weiterqualifkationen ermöglicht werden müssen, wenn sie im Berufsleben stehen. Kurzum: Wir müssen das eine tun, aber sollten das andere nicht lassen. Ich halte es für gefährlich, wenn wir ein sequentielles Vorgehen wählen, also erst der Sprachkurs, dann die berufsqualifizierende Maßnahme und im Anschluss die Integration in Arbeit. Das kann die Arbeitsmarktintegration um Jahre verzögern. Wir benötigen eine Kombination dieser Dinge, die so früh wie möglich ansetzt.

Und welchen Beitrag können Unternehmen dazu leisten?

HB: Die Unternehmen spielen natürlich eine ganz zentrale Rolle. Schließlich sind sie es, die am Ende des Tages die Geflüchteten einstellen. Ein Faktor für eine erfolgreiche Integration Geflüchteter sind flexible Strukturen in den Betrieben: Werden beispielsweise Teilzeitbeschäftigungen ermöglicht, dann können die Geflüchteten auch Sprachkurse besuchen. Je flexibler die Strukturen, umso besser.

Schauen wir von der anderen Seite auf diese Thematik: Welchen Beitrag können die Geflüchteten in den Unternehmen leisten?

HB: Hier sind es im Großen und Ganzen zwei Aspekte. Erstens haben 75 Prozent der Geflüchteten schon in ihren Heimat- oder den Transitländern Berufserfahrung gesammelt, insbesondere im Dienstleistungsbereich. Zwar sind nicht alle Kenntnisse 1:1 auf Deutschland übertragbar, da wir eine andere Volkswirtschaft haben. Doch das sind sehr gute Voraussetzungen, um Erfahrungen in den neuen Job einzubringen. Zweitens bringen die Geflüchteten eine neue Kultur und Wissen über andere Güter und Märkte mit – das kann zu zusätzlichen Handelsverflechtungen führen, wie wir es nach der Fluchtmigration aus dem jugoslawischen Raum beobachteten.

Sind wir Ihrer Einschätzung nach auf dem richtigen Weg, was die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt betrifft?

HB: Es gibt einige Herausforderungen, an denen wir arbeiten müssen: Die Asylverfahren haben anfangs viel zu lange gedauert und die Sprachkurse zu spät begonnen. Da hat sich vieles deutlich verbessert. Heute ist eine der großen Herausforderungen die Bildungsangebote für Geflüchtete auszubauen, beispielsweise im Hochschulbereich. Doch es wird auch auf allen Ebenen daran gearbeitet und bisher wurde auch eine Infrastruktur in diesen Bereichen geschaffen, wie wir sie vor 2015 nicht hatten. Diese Bemühungen werden sich dann positiv auf die Arbeitsmarktintegration auswirken. Ich sehe das Glas also eher halb voll, als halb leer.

Über Prof. Dr. Brücker

Prof. Dr. Herbert Brücker ist seit 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Integration der Europäischen Arbeitsmärkte, an der Universität Bamberg und leitet seit 2005 den Forschungsbereich für Internationale Vergleiche und Europäische Integration am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen internationale Migration, Europäische Integration sowie Arbeitsmarktforschung.

Beispiele aus der Praxis

"In Arbeit" präsentiert im Magazin sowie auf der Website Beispiele über zahlreiche kleine und mittelständische Unternehmen, die Geflüchtete erfolgreich in den Betrieb integriert haben. So berichten vier Unternehmen in der Katgorie "Sprache & Wissen", wie sie Geflüchtete beim Spracherwerb in der Praxis unterstützen. Und im Themenfeld "Diversity Management" zeigen eine Personalleiterin und ein Unternehmer auf, warum die Beschäftigung Geflüchteter ihre Betriebe bereichert hat und wie sich Vielfalt im Unternehmen positiv auf die Belegschaft auswirkt.