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"Wir möchten Menschen eine Perspektive geben"

18. Dezember 2019

Chemielaborantin gibt mit einer Pipette eine rote Flüssigkeit in ein Gefäß
Quelle:  ABDA

Ein effektiver Ansatz für die Sicherung von Fachkräften: Bundekanzlerin Angela Merkel hat ein Projekt aus dem IQ-Netzwerk (Förderprogramm "Integration durch Qualifikation") mit dem Nationalen Integrationspreis 2019 ausgezeichnet. "IQ Apotheker für die Zukunft" ermöglicht ausländischen Apotheker*innen den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt. Bundeskanzlerin Merkel gratulierte allen am Projekt Beteiligten: "Es zeigt, wie Integration gelingen kann. Es zeigt vor allem auch, wie wertvoll es ist, wenn Geflüchtete ihr Wissen und ihr Können bei uns anwenden können."

Was sich hinter dem Erfolgsprojekt verbirgt, erläutert Joachim Thoss, Leiter Pharmazie der Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz und verantwortlich für das Projekt "IQ Apotheker für die Zukunft".

Warum ist es für Apotheker*innen aus Nicht-EU-Ländern so schwierig in Deutschland ihren Beruf auszuüben?

Der Apothekerberuf unterscheidet sich von Land zu Land, in das deutsche System müssen Apotheker*innen aus Nicht-EU-Ländern erst hineinfinden. Dahinter steckt ein komplexes Regelwerk, das viele Apotheker*innen aus ihrer Heimat nicht kennen. Man benötigt neben dem Abschluss der Qualifikation, dem Staatsexamen, noch eine Anerkennung, die Approbation. Dieses Verfahren sichert das hohe Niveau der Berufsausübung, was in unserem Falle zum Wohle der Patient*innen ist. Auch der Berufsalltag unterscheidet sich. In Ländern wie Syrien übernehmen Apotheker*innen oftmals Aufgaben, die hierzulande nur Ärzt*innen ausführen, wie zu Beispiel eine Spritze zu geben oder eine Diagnose zu stellen. Bei uns sind Behandlung und Arzneimittelversorgung streng getrennt.

Wie genau bereitet "IQ Apotheker für die Zukunft" auf die anspruchsvollen sprachlichen und fachlichen Prüfungen vor?

Der Vorbereitungskurs dauert sechs Monate. Die Teilnehmenden besuchen neben mehreren ganztägigen Fachwochenenden wöchentlich einen Kurs, in dem die fachlichen Inhalte sprachlich und inhaltlich vertieft werden. Parallel absolvieren sie ein Praktikum in einer Apotheke. Jede*r Teilnehmende wird von einer oder einem ehrenamtlichen Tutor*in begleitet, die oder der mit Ratschlägen und Kontakten unterstützt.

Wer sind die ehrenamtlichen Tutor*innen und wie unterstützen sie die Teilnehmenden?

Die Tutor*innen sind Apotheker*innen, die ihren Beruf in Rheinland-Pfalz ausüben und in ihrer Freizeit ihren Erfahrungsschatz und ihr Netzwerk den Betreuten zugänglich machen. Sie stehen mit den Betreuten über Telefon und soziale Netzwerke im Kontakt und schulen auch als Dozent*innen auf Seminarterminen. Mit ihrer persönlichen Unterstützung tragen sie maßgeblich zum Erfolg des Projektes bei.

Welche Kriterien müssen die Bewerber*innen erfüllen, um an "IQ Apotheker für die Zukunft" teilnehmen zu können?

Grundsätzlich nehmen wir nur Menschen auf, die schon eine Pharmaziestudium in ihrem Heimatland abgeschlossen haben. Zudem müssen die Teilnehmenden bereits Deutschkenntnisse auf Niveau B2 nachweisen können. Das heißt, sie müssen sicher sprechen und komplexe Texte verstehen können. Zusätzlich reichen die Bewerber*innen ihren Lebenslauf ein und müssen uns ihre Bereitschaft zur Suche eines Apothekenbetriebs in ganz Rheinland-Pfalz signalisieren.

Vor welchen Herausforderungen stehen Arbeitgeber*innen, die den Apotheker*innen im Rahmen des Projektes einen Praktikumsplatz anbieten?

Vielen Arbeitsgebern ist gar nicht klar, ob und wie sie eine*n Apotheker*in, die oder der hier noch nicht approbiert ist, einsetzen dürfen. So ist es auch für uns nicht immer einfach, Arbeitgeber zu finden, die bereit sind, unsere Kursteilnehmenden einzustellen. Tatsächlich bewegen sich Arbeitgeber oft in einer rechtlichen Grauzone, denn die ausführliche EU-Anerkennungsrichtlinie regelt ausschließlich die praktischen Anforderungen für Bewerber*innen mit einem EU-Abschluss. Aus meiner Sicht benötigen wir dringend auch eine entsprechende Regelung über ein "Pflichtpraktikum" für Bewerber*innen aus sogenannten Drittländern außerhalb der EU. Auf Grundlage eines "Pflichtpraktikums" könnten die Arbeitgeber noch besser ausbilden.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich durch das Projekt?

Wir möchten Menschen eine Perspektive geben, die mit ihren Qualifikationen eine wertvolle Bereicherung für den deutschen Arbeitsmarkt sind – Stichwort Fachkräftemangel. An erster Stelle steht für uns der Erhalt und die Steigerung des hohen Niveaus in der Arzneimittel- und Patientenversorgung in Rheinland-Pfalz.