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"Mit chance4You haben wir einen Stein ins Rollen gebracht"

19. November 2019

Gruppenbild der Belegschaft von chance4You
Quelle:  Handelspart GmbH

Karim Ouakass ist Außendienstmitarbeiter bei Handelspart und Mit-Organisator der Berufsmesse.

Im März 2019 haben Sie erstmalig die chance4You durchgeführt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Messe für Handwerksbetriebe und junge Geflüchtete zu organisieren?

Karim Ouakass: Dafür muss ich ein bisschen ausholen: Die Unternehmensgruppe Pietsch, zu der auch Handelspart gehört, ist Unterzeichner der Charta der Vielfalt. In seiner Firmenzeitschrift rief der Konzern zur Teilnahme an dem bundesweiten Wettbewerb "Diversity Challenge" auf. So hat alles begonnen.

Dem Handelspart-Team war schnell klar: Wir initiieren ein Projekt, das unsere Kunden – regionale Handwerksbetriebe aus Sanitär-Heizung-Klima – bei der Personalgewinnung unterstützt. Das wollten wir mit einem gesellschaftlichen Nutzen verbinden.

Als Großhändler wissen wir, wie sehr unsere Branche unter dem Fachkräftemangel leidet. Eine Berufsmesse sollte das Problem lösen und Betriebe mit potenziellen Fachkräften, Auszubildenden und Praktikanten vernetzen. Dabei haben wir uns bewusst für eine Zielgruppe entschieden, bei der die Hebelwirkung am größten ist: geflüchtete Menschen.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich durch Ihr Engagement?

Karim Ouakass: Vielen Kunden fällt es schwer, Personal zu rekrutieren. Handelspart sieht es als seine Aufgabe an, sie bei der Suche nach qualifizierten Arbeitskräften zu unterstützen. Gleichzeitig liegt uns das Thema Vielfalt sehr am Herzen. Mit der Berufsmesse wollten wir vor allem junge Menschen für die Bauhandwerksbranche begeistern und unseren Kunden zeigen, wie sie ihre Betriebe erhalten und zugleich Menschen eine Chance geben. Denn Arbeit bedeutet Sicherheit und Ankommen im Alltag. Dass am Ende des Wettbewerbs ein Preis winkte, haben wir zwischendurch völlig ausgeblendet. Eine Messe zu organisieren, war für uns absolutes Neuland. Und so waren die Vorbereitungen, die neben dem Kerngeschäft liefen, enorm zeitaufwändig. Sie haben uns voll absorbiert.

Was ist anders als bei anderen Messen?

Karim Ouakass: chance4You ist keine anonyme Massenveranstaltung. Sie gleicht eher einer Kontaktbörse in einem halb familiären Rahmen. Hemmschwellen abbauen, Austausch ermöglichen, Kontakte knüpfen, konkrete Einblicke erhalten – darum ging es uns. Dafür musste das Setting stimmen. Die Stimmung war persönlich, da sich die meisten Betriebe untereinander kennen. Auch Familienangehörige haben mit angepackt: An einem großen Tisch reichten einige Mütter Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. Unsere Auszubildenden haben ihren Auftrag sehr persönlich genommen, indem sie die jungen Leute buchstäblich an die Hand nahmen. Das half über viele Momente der Überforderung hinweg. Die Handwerkerinnen und Handwerker wiederum waren erst etwas unsicher, aber dann haben sie schnell einen guten Draht zu den Besucherinnen und Besuchern hergestellt.

Welche Aktionen gab es, um jungen Menschen Berufe im Handwerk näherzubringen?

Karim Ouakass: Unser Ziel war es, ihnen möglichst praxisnah Einblicke in die Branche zu vermitteln. Neben den 21 Beratungstischen der Handwerksbetriebe gab es vier Arbeitswerkstätten von Zulieferbetrieben. Hier konnten die rund 130 Besucherinnen und Besucher unterschiedliche Themenfelder kennenlernen. Vor allem konnten sie sich hier praktisch ausprobieren. Es wurden Rohre verpresst und verbogen, Systeme für Bodenheizungen ausgelegt und die Hintergründe von Filtertechnik zur Wasseraufbereitung erklärt. Da die Messe auf einem unserer Gelände stattfand, rundeten Führungen durch unser Materiallager den Eindruck ab.

Der bürokratische Aufwand schreckt viele Unternehmen davon ab Geflüchtete zu beschäftigen. Was haben Sie auf der Messe getan, um ein Überwinden dieser Hürde zu erleichtern und jungen Menschen den Weg ins Berufsleben zu ebnen?

Karim Ouakass: Das war in der Tat ein wichtiger Punkt. In der Mitte der Jobmesse haben wir deshalb einen "Integration Point" aufgebaut. Das war unsere zentrale Anlaufstelle. Hier hat die Dame vor allem rechtliche Fragen beantwortet und gezielt weiteren Stellen empfohlen, die bei der Einstellung von geflüchteten Menschen helfen. Die Dame wurde uns von der Arbeitsagentur vermittelt und war ein echter Gewinn.

Auf welchen Ebenen hat Handelspart von der Messe profitiert?

Karim Ouakass: Wir haben einen neuen Auszubildenden aus Syrien gewonnen, der sich erfolgreich in das Team integriert. Aber den eigentlichen Nutzen sehen wir auf ganz anderer Ebene: Unser Organisationsteam aus sieben Auszubildenden ist durch die Messe noch enger zusammengewachsen. Alle haben in den einzelnen Projektphasen viele neue Aufgaben übernommen, auch jenseits der eigentlichen Ausbildungsinhalte. Die Auszubildenden sind innerlich enorm gewachsen. Das ist großartig.

Was uns besonders freut: chance4You hat zwei Nachahmer gefunden. Ein Partner in Mühlheim hat bereits eine Berufsmesse mit ähnlichen Abläufen organisiert und auch die Unternehmensgruppe Pietsch will nachziehen und eine Berufsmesse organisieren.

Welche Vorteile hat es für Unternehmen aus dem Handwerk, junge Geflüchtete einzustellen?

Karim Ouakass: Zwei Aspekte fallen mir sofort ein: Loyalität und Treue zum Unternehmen. Das war schon bei meinem Vater so, als er vor 50 Jahren als marokkanischer Gastarbeiter nach Deutschland kam. Geflüchtete sind stets pünktlich, beschweren sich nicht und haben einen ganz anderen Hunger auf Arbeit. Denn sie wissen oft noch sehr gut, was Armut bedeutet. Aus der Perspektive von Handelspart kann ich nur sagen: Sie sind eine Bereicherung für Teams.

Sie haben die Messe mit einem jungen Team realisiert. Welche Empfehlungen haben Sie für Betriebe, die die Idee aufgreifen und ebenfalls neue Wege bei der Fachkräfterekrutierung gehen wollen?

Karim Ouakass: Unser Organisationsteam hat die Messe neben der regulären Arbeit organisiert. Da sind immer mal wieder Dinge unter den Tisch gefallen. Eine verbindliche Event- und Zeitplanung ist das A und O für einen reibungslosen Ablauf. Hilfreich war für uns die Eventerfahrung von Frau Pietsch. Sie hat uns als Mentorin begleitet und viele wertvolle Tipps gegeben. So eine Art der Begleitung ist äußerst hilfreich und nur zu empfehlen.