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3 Fragen an... Prof. Jutta Rump und Tanja Ehlscheid-Schelzke

24. November 2016

Kulturelle Vielfalt in der Arbeitswelt ist nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe unserer Zeit, sondern auch ein Erfolgsfaktor für zukunftsfähige Unternehmen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ergeben sich dabei viele Fragen: Wie werden aus Fremden Kolleginnen und Kollegen? Wie fördere ich den Spracherwerb? Und: Wie gehe ich mit kulturellen Unterschieden um?

Zwei Expertinnen auf diesem Gebiet haben uns diese Fragen jeweils aus der Forschungs- und der Praxisperspektive in Kurzinterview beantwortet. Prof. Jutta Rump ist INQA-Themenbotschafterin für Chancengleichheit & Diversity und Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability (ibe) Ludwigshafen. Tanja Ehlscheid-Schelzke ist Geschäftsführerin des Hotelparks "Der Westerwald Treff" aus Oberlahr. In ihrem Unternehmen absolviert Abdul Abdulhag Rahimzai aus Afghanistan seit einem Jahr eine Ausbildung zum Hotelfachmann.

Welche Rolle spielt der Spracherwerb und wie fördere ich die Kommunikation zwischen "neuen" und bestehenden Mitarbeitenden?

Prof. Jutta Rump: Kommunikation ist alles – daher stellt die sprachliche Integration die zentrale Voraussetzung für eine funktionierende Zusammenarbeit dar. Fehlende Sprachkenntnisse verzögern betriebliche Abläufe und können darüber hinaus kulturelle Missverständnisse verschärfen. Wichtig ist: Es geht beim Spracherwerb nicht um die Fähigkeit, sich fehlerfrei ausdrücken zu können. Doch die Möglichkeit, eigene Meinungen zu artikulieren, nachzufragen und in den Austausch zu gehen, ist eine Grundvoraussetzung für ein Gefühl der Zugehörigkeit und der erfolgreichen Zusammenarbeit. Neben Sprachkursen helfen auch branchen- oder gar betriebsspezifische Glossare oder Wörterbücher dabei, die anfänglichen Sprachbarrieren "on the Job" zu überwinden.

Tanja Ehlscheid-Schelzke

Tanja Ehlscheid-Schelzke: Der Spracherwerb ist nach meiner Erfahrung der wichtigste Baustein für eine gute Zusammenarbeit und für ein gutes Miteinander. Deshalb bitte ich alle Kolleginnen und Kollegen, möglichst viel Zeit in dieses Thema zu investieren. Die Arbeit, die man heute hineinsteckt, spart man sich in der Zukunft. Besonders in der Anfangszeit ist der Spracherwerb ein Thema, mit dem sich alle Beteiligten intensiv beschäftigen sollten. In den Fachbereichen der unterschiedlichen Branchen ist hier immer wieder einiges aufzuarbeiten. Mein Rat für alle, die Geflüchtete beschäftigen, lautet: Vieles lernt man während der Arbeit. Dennoch ist zusätzlicher Deutschunterricht gerade zu Beginn der Zusammenarbeit ein absolutes Muss.

Wie gehe ich mit kulturellen Unterschieden um?

Prof. Jutta Rump: Damit aus Mitarbeitenden Kolleginnen und Kollegen werden, spielt die kulturelle Integration eine große Rolle. Kultureller Integration geht immer eine kulturelle Bildung voraus, die auf beiden Seiten stattfinden muss. Je mehr Menschen über eine "fremde Kultur" wissen, desto besser können sie Verhaltensweisen deuten und nachvollziehen. Die Benennung von kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten und der Austausch darüber stehen häufig am Anfang eines fruchtbaren interkulturellen Dialogs, von dem beide Seiten profitieren.

Viele Unternehmen, die bereits Geflüchtete beschäftigen, berichten, dass die Vorbereitung der bestehenden Beschäftigten hilfreich ist. Eine Vorabankündigung über neue Kolleginnen und Kollegen, eine Vorstellung der neuen Mitarbeitenden am ersten Tag und die starke Einbindung der bestehenden Mitarbeitenden bei der Einarbeitung haben sich dabei als erfolgsversprechende Maßnahmen etabliert. Sie helfen dabei, etwaige Berührungsängste von vornherein abzubauen. Gerade der Einsatz von Tandempartnern, zum Beispiel in Person von Auszubildenden oder Gesellen, hilft neuen Beschäftigten bei der Eingewöhnung und schafft feste Ansprechpartner.

Tanja Ehlscheid-Schelzke: Unsere Grundregel für alle Mitarbeitenden lautet, die gegenseitigen Kulturen zu respektieren. Wir lernen im Alltag viel von unseren Kollegen aus den uns fremden Kulturkreisen und jeder tut gut dran, sich für andere Kulturen, Sitten und Gebräuche zu interessieren. Unterschiede zu respektieren, auf beiden Seiten, ist dabei unerlässlich. Dies fängt im Alltag an: Wenn unser Mitarbeiter Abdullah kein Schweinefleisch isst, respektieren wir diese religiöse Regel. Er muss wiederum akzeptieren, dass der Verzehr von Schweinefleisch bei uns normal ist. Dazu gehört auch das Thema "Gleichberechtigung". Bei uns sind alle Miterbeiterinnen und Mitarbeiter gleichberechtigt – ein Aspekt, der so nicht überall auf der Welt gilt. Dennoch erwarten wir, dass sich alle Mitarbeitenden an diesen Grundsatz halten. In anderen Ländern müssten wir uns ebenso nach dort geltenden Regeln und kulturellen Vorgaben richten. Deshalb gilt bei uns die Regel: Niemand darf den anderen aufgrund von kulturellen Unterschieden verurteilen.

Was muss man bei der Personalführung von interkulturellen Teams beachten?

Prof. Jutta Rump: Festgelegte und verbindliche Unternehmenswerte helfen bei einer gelungenen Zusammenarbeit – übrigens natürlich nicht nur in interkulturellen Teams. Offenheit und die Möglichkeit, Konflikte anzusprechen, sind die Grundvoraussetzung für gelungene Integration. Als Basis für eine offene Gesprächskultur muss die Führungsebene Werte wie Toleranz und gegenseitiger Respekt etablieren und täglich vorleben. Gerechtigkeit und Gleichbehandlung aller Beschäftigten fördern den Zusammenhalt und den Teamgeist. Dabei müssen Führungskräfte dennoch kulturelle Unterschiede beachten. Während partizipative Führung in unserem Kulturkreis als Stärke angesehen wird, ist er in Kulturkreisen mit einer hohen Machtdistanz eher als schwach konnotiert.

Für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Geflüchteten kann es kein Patentrezept geben, das sich anhand von Leitfäden "abarbeiten" lässt. Integration ist ein Prozess, der auch von branchenspezifischen und nicht zuletzt von persönlichen Faktoren abhängt. Das heißt jedoch nicht, dass man das Rad neu erfinden muss. Individuelle Beratungsangebote und die Vernetzung mit anderen Unternehmen, die ähnliche Erfahrungen machen, können konkrete Ideen und Beispiele für die Zusammenarbeit liefern.

Tanja Ehlscheid-Schelzke: Wichtig ist es, Unterschiede anzuerkennen und auch zu thematisieren. Indem man offen darüber spricht, werden viele Differenzen kleiner und auch die Gemeinsamkeiten treten deutlicher hervor. Wichtig ist es auch, von beiden Seiten aktiv Offenheit und Rücksicht einzufordern. Es muss allen Beteiligten bewusst sein, dass Toleranz keine Einbahnstraße sein kann.